Neben ver.di scheint auch der DGB zu begreifen, dass “Selbständige” oder “Unternehmer” nicht automatisch diejenigen sind, die die armen und schützenswerten Arbeitnehmer ausbeuten. Sondern dass im Fall von “Solo-Selbständigen” die Selbstausbeutung die Unternehmer eher selbst trifft. Jedenfalls gibt es nun seit Februar einen Ratgeber für Selbständige in prekärer Lage. Der “Ratgeber Selbstständige – Soziale Sicherung und wenn das Geld nicht reicht” kann für einen Euro direkt online angefordert werden.
Auch wichtig: Laut Einschätzung des DGB ist “die Lage der rund 2,3 Mio. Selbstständigen, die ohne weitere Angestellte arbeiten, … zum Teil sehr prekär; nur ein Viertel der Hilfebedürftigen hat ein Einkommen über 800 Euro im Monat“. Eine weitere Zahl sagt, dass “fast 25 Prozent der Selbstständigen von Altersarmut bedroht sind” - und ergänzend heißt es: „Häufig reichen schlicht die Einnahmen nicht aus, um die Alterssicherung und manchmal sogar die Krankenversicherung zu bezahlen“, so DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Na prima. Dann befinden sich ja all die, bei denen es nur fürs Überleben reicht, in bester Gesellschaft …
Vor ein paar Tagen habe ich in der Serie der Süddeutschen “Wozu noch Journalismus?” den Beitrag von Stephan Ruß-Mohl mit den sechs Empfehlungen gelesen. Was für mich sehr interessant und neu war: dieser Autor berichtet freimütig, für den Artikel zehn Stunden Arbeitszeit benötigt zu haben. Wobei er eingesteht, dabei manche Textpassagen aus anderen Artikeln zweitverwertet zu haben. Seiner Einschätzung nach hätte ein freier Journalist, wenn nicht zweitverwertet werden kann, eventuell noch mehr Arbeitszeit benötigt. Und dann verweist er auf die journalismus.com-Honorartabelle.
Bei manchen Zeitungen hätte man für zehn oder mehr Stunden Arbeit pro Artikel um die 180 Euro oder 13 Euro pro Stunde erhalten. Laut dieser Honorartabelle hätte ein gestandener Journalist bei einem renommierten Nachrichtenmagazin für 10 Stunden Arbeit ganze 180 Euro bekommen. Bei einer überregionalen und mindestens ebenso renommierten Zeitung wären es 13 Euro pro Stunde gewesen und damit um die 130 Euro.
Leider ist ja nicht jeder Werktag mit Aufträgen gefüllt. Es gibt ja auch Tage mit Leerlauf, die mit nicht honorierten administrativen Aufgaben gefüllt werden. Geht man von zwei Dritteln produktiver Tätigkeit aus (und das dürfte angesichts der derzeitigen Lage der Branche eher optimistisch sein), kommt ein freier Journalist damit auf einen Tagessatz von durchschnittlich vielleicht 144 Euro (bei 180 Euro für 10 Stunden Arbeit, was ja noch optimistisch geschätzt war) oder von 130 Euro (mit dem Stundensatz).
Der Monatsumsatz beträgt dann (bei 4 x 5 x 8 Stunden und bei 70 Prozent Auslastung, d.h. bei 112 Stunden Arbeitzeit pro Monat) vielleicht noch 14 x 144 Euro (also rund 2000 Euro brutto!) oder je nach Stundensatz um die 1820 Euro. Urlaubs- oder Krankheitszeiten sind darin natürlich nicht enthalten.
Von diesen rund 2000 oder 1800 Euro gehen natürlich erst einmal noch Betriebsausgaben in Form von Telefon, Auto, Büromaterial, EDV etc. ab. Je nach Kostenstruktur (ist vielleicht noch eine Miete fürs Büro zu zahlen?) bleiben davon vielleicht nur 1200 Euro. Davon geht dann nochmal die Krankenversicherung ab plus noch andere Vorsorgesachen. Oder vielleicht ein Kinderfreibetrag. Oder andere Freibeträge.
Und wieviel bleibt dann - nach Abzug aller Kosten und Freibeträge - noch übrig zum Leben? Nicht mehr viel. Ein Job als freier Journalist ist ein Hungerleiderjob (Ausnahmen sind natürlich sicherlich möglich).
Wer zu viel (an)sammelt, ist gestraft. Auch oder gerade als Freelancer. Nach zehn Jahren selbständiger Tätigkeit quillen alle Archive über mit Aufträgen, Telefonnotizen, Entwürfen, Korrekturen, Finalfassungen, Rechnungen (und manchmal auch Mahnungen oder noch übleren Sachen). Die letzten Wochen war ich in der freien Zeit viel damit beschäftigt, das ganze alte Zeug zu durchforsten und fortzuschmeißen, was fortzuschmeißen geht. Langsam wird es hier deutlich luftiger …
Interessant beim Ausmisten war es aber schon, auch die ganzen alten Kaufbelege wieder in den Fingern zu haben. Das eine oder andere Mal kuckt man schon hin und denkt mit Wehmut an Zeiten, als das Benzin noch 1,81 DM, also umgerechnet etwa 0,92 Euro gekostet hat. Und noch 2002 waren es nur 0,96 Euro. Beim letzten Tanken waren es 1,41 Euro für jeden Liter.
Schade nur, dass meine Stundensätze nicht im gleichen Maß gestiegen sind …
Hah! Endlich! Auch Spiegel Online nimmt sich heute des Themas “Freie und ihre Honorare” an. Die Krise hat die Freien mehr gebeutelt als die Angestellten (ist ja auch klar, das ist ja ein Teil des “unternehmerischen Risikos”, das eigentlich in der Kostenkalkulation berücksichtigt sein sollte, aber selten ist), ein Drittel verdient nun weniger. Während aber nur 17 Prozent der Angestellten Gehaltseinbußen haben und das auch nur bis 20 Prozent, darben die Freien weitaus stärker. Bei einigen schrumpfte das Einkommen um die Hälfte und immer mehr Selbständige müssen Hartz IV in Anspruch nehmen. Was auch in der Zukunft noch Auswirkungen haben wird, denn: ein Zehntel der Selbständigen verdient zu wenig, um fürs Alter vorsorgen zu können, Altersarmut dürfte die Folge sein.
Was mich erstaunt hat, sind die Zahlen, die SPON heranzieht: “Für einen Journalisten mit etwa acht Jahren Berufserfahrung veranschlagt die Gewerkschaft Ver.di einen Jahresumsatz von 86.000 Euro - 34 Prozent mehr als ein tariflich bezahlter angestellter Redakteur als Gehalt bekommt.”
Wenn ich mir derzeit die Diskussionen auf Job-Plattformen ankucke, dann verdingen sich einige wirklich für’n Appel und’n Ei. Und selbst wer rund um die Uhr arbeitet - bei den vielerorts realen Stundensätzen kann das nix werden mit den 86.000 Euronen.
Auf der anderen Seite sind viele Freie trotz prekärer Verhältnisse glücklicher denn Angestellte. Und das kann ich wiederum durchaus nachvollziehen …
Den ganzen Artikel gibt es übrigens hier …
Zur Zeit weiß ich nicht, wo ich die Zeit hernehmen soll, um den Schreibtisch wieder leer zu kriegen (keine Bange, sind nicht nur Jobs, sondern auch eigene Projekte). Aber da es dennoch viel Stoff zum Thema “Faire Honorare” oder faire Verhältnisse oder wie-man-auch-immer-das-nennen-will gibt, will ich heute mal eine reine Linkliste mit Artikeln einstellen, die ich in den letzten Tagen beim nächtlichen Surfen zum Abschalten gefunden habe:
1. Schön zu hören, dass sich nicht nur Kreative, sondern auch Models ausgebeutet fühlen. Mehr dazu in diesem Spiegel-Artikel über einen Dokufilm …
2. Die Aufteilung in “normale” und “prekäre” Jobs schadet der Gesellschaft - und auch den Unternehmen. So steht es zumindest in diesem ZEIT-Artikel (wobei ich diese These definitiv unterschreiben würde) …
3. Arme Kleinunternehmer. Sie können kaum die Kohle für eine gescheite Altersvorsorge zur Seite legen. So das Fazit einer Studie, die auf handwerk.com kurz vorgestellt wird.
4. Ganz wichtig für Literatur-Übersetzer: wird aus ihrer Übersetzung ein Bestseller, bekommen auch sie mehr Geld. So jedenfalls das Urteil des Bundesgerichtshofs in Karlsruhe …
5. Mal wieder ein Artikel (dieses Mal ein Blog-Artikel vom Medienjunkie) zum Thema Dumping-Preise fürs Texten …
So, und bevor ich mich jetzt für heute abmelde: Viel Kurzweil beim Lesen (aber beim letzten Artikel bitte nicht so erschrecken).